Kopfkino

27.01.2018 Wolfgang Krebs

Magdeburg. Dezember 2017. Freitagnacht. In der Kunstwerkstatt in Magdeburg im Buckauer Engpass brennt noch Licht. Mir fällt  ein, gestern war Vernissage. Anne Rose Bekker stellt aus. Wie schön. Vier Leute sitzen um den runden Tisch. Der fünfte liegt gemütlich auf dem Sofa und schläft lächelnd den Schlaf der Gerechten. Kerzen, Rotwein, gute Kunst, hier bleibe ich, hier darf ich sein. In der glücklichen Lage, mir die Bilder und Skulpturen ungestört anschauen zu können. Im Gegensatz zu dem bescheidenen, ruhigen Wesen Anne Rose Bekkers reden die Bilder unaufhörlich auf mich ein, erzählen mir viele Geschichten, sie fahren mir emotional durch das Hirn. Ein Interpretationsversuch wäre unangebracht und würde mein geistiges Auge schließen. Die Künstlerin wandelt mit einer Leichtigkeit durch Stile und Stilmittel. Sie findet und verarbeitet Gefundenes. Eine Erlebniswelt. Frohsinn verbreitend zitiert sie aus der Welt und Kunstgeschichte. Nie langweilig, immer überraschend.

Kopfkino

Hallo, denke ich, du Schöne mit den Augen, die mir überallhin folgen; die warmen erdigen Farben,  so angenehm sanft berührt mich die Farbigkeit. Ein kurzer Zweifel daran, ob es nicht doch ein Schöner ist. Doch die vollen roten Lippen,  zu einem  verzückt lachenden Aufschrei weit geöffnet, wirken eher feminin. Auf dem Gesicht wuchert etwas. Was ist das nur?—”Gute Frage!”, ruft sie, “Was denkst du denn?“. Es sieht nach Schmerzen aus. Ist es eine Dornenhecke wie in Dornröschen, was sich wie ein Tattoo auf dein Gesicht legte? „Wenn du es möchtest, ist es so.” Dornröschen genießt es, von den Dornen der Hecke gepeinigt zu werden und stößt Laute der Verzückung aus.

Gegenüber hängt ein in seiner Breite die Wand füllendes Gemälde. Fünf Strandschönheiten im weißen Badeanzug ab dem Busen aufwärts zu sehen. So schön, echt und verlockend wie stumme Sirenen, gleichzeitig so surreal. Malerei, Collage? Öl oder Acryl?  Wen interessiert es? Malerei und Collage in höchster künstlerischer Qualität, ja das ist es. Aber egal. Ich sehe nur fünf blonde Sirenen mit vollen, wohlgeformten roten Lippen, lächelnd, jede eine weiße Sonnenbrille aufgesetzt. Im Hintergrund das Hellblau des Meeres, über den Gesichtern isobarenförmige Reflexion des Wassers von Blau bis Grauschwarz und oben in Gold gehalten. Auf dem Kopf tragen sie eine Art Diadem—Wassergetier. Eine trägt einen Wasserfloh, eine andere Krabben und Schnecken in Rosa- und Brauntönen und es kleidet sie gar sehr. Das könnte ein neuer Trend werden.

“Hallo.”, rufen sie. “Willst du mit uns baden gehen, setz dir einen Oktopus auf den Kopf und lass uns in den Wellen tanzen. Wir singen dir ein Lied. Wenn du dann glücklich bist, ertränken wir dich und fressen deine Eingeweide.”—”Ja, wie schön, ich komme, wartet auf mich.”, rufe ich, dann erwache ich. Etwas versteckt eine fast lebensgroße nackte Frau, aber eigentlich doch nicht nackt, sie zeigt mir ihre nackten Brüste, das Gesicht, welches lächelnd etwas versonnen nach links unten schaut, von einer Quarkmaske bedeckt. Eine Collage. “Lass mich allein, ich bin einsam, aber glücklich. Komm wieder, wenn ich mich zurechtgemacht habe.” Ein sehr buntes—wie eine ägyptische Tempelmalerei wirkendes Bild, welches mit einem Blick nicht zu erfassen ist—lädt mich ein zu entdecken, ähnlich dem Cover der LP Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, nur ganz anders. Es erzählt und erzählt und erzählt und ich höre zu und kann mich gar nicht satt sehen an den vielen  Geschichten. Ich sehe und höre ägyptischen Göttern zu. Es sind Ureinwohner aller Kontinente zu entdecken, welchen es besser ergangen wäre, wenn sie nicht entdeckt worden wären. Einweckgläser mit Gurken, eine Waschtasche in blau, ein Radio in rosa, Astronauten, welche eine Mumie bei ihren Schritten stützen. Es gibt viel zu sehen, zu hören. Jeder der noch Anwesenden sieht und hört andere Geschichten. Niemand weiß, welche Bilder und Stimmen im Kopf von Anne Rose Bekker sind. Jedoch muss in diesem Kopf etwas sehr Seltsames, Magisches und Großartiges vorgehen. Angetan haben es mir die Köpfe aus Ton. Bemalt. Sie leben. Eine Matrone, mit maximalem Können aus Pappelholz geschnitten und bemalt. Sie ist die lauteste im Raum. Voller sinnlicher Lust ruft sie mir zu: “Genieß das Leben, habe Freude daran, ich kann es doch auch.” Die drei Damen aus Ton geformt möchte ich berühren, die  perfekten, glatten Gesichter über den unnatürlich langen Hälsen streicheln. Diese unwiderstehlich glänzenden Augen, welche mich aus zwei der Plastiken anschauen, lassen mich vergessen, dass es Tonplastiken sind. Eine etwas verträumt und nachdenklich lächelnd, kaum merklich, als würde sie sich verschämt darüber freuen, dass ich ihr schamhaft den Hof mache, sie aber vor den anderen die Etikette wahren muss. Die andere Dame, eine herbe Schönheit, blickt zu mir auf. Selbstbewusst. Lächelt sie? Ja, sie lächelt, oder? Ja. Lächelt  Sie mich an oder aus? Beim Gehen bemerke ich das Plakat mit dem Titel der Ausstellung, der da lautet: Kopfkino. Ja, das war ganz großes Kino.